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Gehirngerechtes und effektives Lernen im virtuellen Klassenraum

Matthias Rückel | 26 Januar, 2007 10:05

Ich beschäftige mich in den letzten Jahren intensiv mit pädagogischen und methodischen Konzepten für Live-Online-Trainings, die über den üblichen Kochbuchcharakter in Form von interaktiven Übungen hinausgehen. Um nicht falsch verstanden zu werden; eine Sammlung von interaktiven Übungen für virtuelle Klassenräume mit der Einbindung von Application Sharing, Whiteboard, Chat und Umfragen etc. sind in der Regel eine hilfreiche Stütze, aber leider nicht ausreichend um einen pädagogischen Ansatz zur Gestaltung erfolgreicher Live-Online-Trainings im virtuellen Klassenraum zu bieten.

Von der Rührschüssel zum Menüvorschlag

Konkrete Übungen sind vergleichbar mit den einzelnen Bestandteilen des Essens oder den Zutaten, welche mit Hilfe der Werkzeuge (Rührschüssel bzw. Whiteboard) für die Zubereitung des Menüs notwendig sind . Ich war auf der Suche, nach einem Ansatz, der es erlaubt einen passenden Menüvorschlag zu entwickeln.

Obwohl viele strukturelle Gemeinsamkeiten zwischen Live-Online-Trainings und Präsenzseminaren existieren, lassen sich Erfahrungen aus Präsenzseminaren nicht eins zu eins in den virtuellen Raum übertragen. Darüber hinaus veranlasst die, durch den Wegfall der nonverbalen Kommunikation notwendige, bewußte Gestaltung der Interaktion im virtuellen Klassenraum die Frage nach allgemeinen pädagischen Konzepten für Live-Online-Trainings. Auf der Suche nach übergeordneten Konzepten setze ich mich auch mit " Accelerated Learning" bzw. "Aktivierendes Lernen" , kurz AL, auseinander.

Die Zielsetzung von AL ist für den virtuellen Raum von Bedeutung

Eine der Zielsetzung von AL -in kurzer Zeit erhebliche Lernerfolge generieren zu wollen- entspricht der besonderen Problematik des virtuellen Raums. Ein wesentlicher Unterschied zwischen Live-Online-Trainings und Präsenzveranstaltung besteht in der Länge einer einzelnen Veranstaltung. Präsenztrainings können sich bequem auf die Dauer eines Tages oder über mehrere Tage erstrecken. Einzelne Live-Online-Trainings dagegen sollten auf einige Stunden (2-4 h) begrenzt werden und können erst am nächsten Tag oder einige Tage später fortgeführt werden.

Live-Online-Trainings sind für alle Beteiligten viel anstrengender als Präsenzveranstaltungen!

Gerade diese Zeitbeschränkung erfordert es, über effektive Konzeptionen für virtuelle Klassenräume nachzudenken, die gleichzeitig eine starke Aktivierung und Einbindung der Teilnehmer beinhalten. Und voilá, genau dieses Konzept verfolgen die Protagonisten von AL und verweisen auf die Verkürzung der Unterrichtszeit um 20-40% bei gleichen oder besseren Ergebnissen.

Was ist "Aktivierendes Lernen" (AL) ?

Accelerated Learning/Aktivierendes Lernen versucht die ziemlich generelle Frage "Wie lernt der Mensch?" zu beantworten und stellt -daraus abgeleitet- einen stark zielorientierten methodischen Ansatz zur Verfügung. AL ist strikt aufgabenorientiert und basiert auf Ergebnissen der Lern- und Hirnforschung.

Einige zentrale Elemente sind die Nutzung sämtlicher Sinneskanäle, die aktive Einbindung der Teilnehmer und eine positiv stimmende Gestaltung des Seminarumfeldes. Es gibt eine deutliche Verwandtschaft mit der Suggestopädie. Leider erweckte die Suggestopädie in der Vergangenheit oft den Eindruck Musik, Übungen, Spiele und Visualisierungen würden um ihrer selbst willen eingesetzt und wurden deshalb häufig als "Spielerei" wahrgenommen.

Zelle im neuronalen Netz

Bild: Zelle im neuronalen Netz

Accelerated Learning/Aktivierendes Lernen hingegen ordnet die Verwendung der einzelnen gehirngerechten Methoden konsequent dem Erreichen eines Lernziels unter. In dem geschaffenen positiven emotionalen Lernumfeld werden -durchaus bekannte- Lernprinzipien, die durch die aktuelle Gehirnforschung eine neue Bestätigung erhalten, eingesetzt.

  • Koppelung von Bewegung, Tasten und Lernen mit dem Ziel motorische und intellektuelle Fähigkeiten zu verzahnen.
  • zu Beginn einer neuen Lerneinheit erfolgt ein Überblick
  • Teilnehmer bilden sich eine eigenen Meinung über das Gelernte, es gibt Raum zur Reflexion
  • bildhafte Darstellung und Visualisierungen unterstützen die Erinnerungsfähigkeit
  • bewusstes einsetzen von Anspannung und Entspannung
  • zielgruppenorientierter Nutzen für Lernstoff und betonen der Notwendigkeit sich damit auseinander zu setzen
  • ausreichend Zeit und Raum zum Üben
  • entwickeln einer positven "Fehlerkultur" in Kombination mit Wertschätzung und Vertrauen
  • einbinden von Geschichten und Anekdoten zur Verbildlichung

Die Prinzipien sind für sich alleine natürlich keine Revolution des Lernens, sondern bilden in ihrer Summe ein umfassendes Repertoir. Seminare, die nach diesen Prinzipien durchgeführt werden, nutzen den größten Teil der Vearanstaltungen für Übungen und Praxisaufgaben. Die Rolle des Trainers, der sein Wissen über die Teilnehmer aussschüttet, gehört damit Vergangenheit an.

Drei M-A-S-T-E-R-hafte Stufen

Für AL entwickelten Malcolm J. Nicholl und Colin Rose im Jahre 2002 ein dreistufiges M-A-S-T-E-R Modell als Konzeptionshilfe für Trainings und Schulungen. Ein nach den AL-Prinzipien aufgebautes Seminar umfasst die folgenden drei Stufen:

M - steht für Mentales Einstimmen und Vorbereiten
A - für Aufnahmen der Lerninhalte
S - für Suche nach Sinn und Bedeutung für den Lerner mit den drei Unterstufen

T - Treibstoff für das Gedächnis
E - Einsatz des Gelernten und
R - Reflexion über das Lernen

Wie passt "Aktivierendes Lernen" zu Live-Online-Trainings?

Der Ansatz des "Aktivierenden Lernens" ist wie geschaffen für den virtuellen Raum. Im virtuellen Raum sind aktivierende Veranstaltungsformen erforderlicher als in Präsenzveranstaltungen. Langweilige PowerPoint Präsentationen und Monologe sind dort noch kontraproduktiver als im Seminar vor Ort.

Kaskaden von "Ja/Nein" Feedback-Abfragen im virtuellen Raum wirken auf die Dauer ebenfalls kontraproduktiv. Das Ersetzen nonverbale Kommunikation durch eine bewusste Interaktion bietet eine hervorragende Basis für die weitergehenden Prinzipien des "Aktivierenden Lernens". Die im virtuellen Raum notwendige E-Moderation bildet dabei wie selbstverständlich ein Fundament für die AL-Prinzipien:

Die Schaffung emotionaler Nähe und eines Gruppengefühls, die Verquickung des Lernstoffes mit den individuellen Interessen des Lernenden und der ausreichende Raum zum Üben sind grundsätzliche Erfolgsfaktoren für Live-Online-Trainings. Alle Regeln für eine aktivierende Gestaltung gelten im virtuellen Klassenraum verstärkt.

Darüber hinaus lassen sich bei der Anwendung von AL im Rahmen von Live-Online-Trainings deutliche Synergien erzielen. Beide benötigen eine detailliertere und gründlichere Vorbereitungen im Verhältnis zu normal konzipierten Veranstaltungen, hier kann ein Vorbereitungsschritt die Besonderheiten des virtuellen Raumes berücksichtigen und gleichzeitg die methodische Qualität erhöhen.

Weitere Informationen: Aktueller Aufsatz über die AL-Grundzüge (PDF)

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